Wenn Räume stressen: Einrichtung bei ADHS & Autismus
Warum klassische Einrichtung bei ADHS und Autismus oft scheitert – und was wirklich hilft
Viele Familien kennen dieses Gefühl:
Die Wohnung ist ordentlich, modern, gut gemeint eingerichtet – und trotzdem ist der Alltag anstrengend. Kinder sind schneller überfordert, Erwachsene dauerhaft erschöpft. Und irgendwann stellt sich die Frage: Warum fühlt sich das alles so mühsam an, obwohl wir doch „alles richtig machen“?
Die ehrliche Antwort: meistens liegt es nicht an den Menschen.
Sondern an den Räumen.
Standard-Einrichtung ist nicht neurodivers gedacht
Die meisten Einrichtungskonzepte orientieren sich an Bildern: offene Grundrisse, viel Sichtbarkeit, flexible Möbel, persönliche Deko. Auf Fotos wirkt das ruhig und wohnlich. Im Alltag erzeugt es oft genau das Gegenteil.
Ich arbeite heute nicht nur als Interior Designerin mit neurodivergenten Familien – ich bin selbst spät mit ADHS diagnostiziert worden. Und genau dadurch ist mir klar geworden, wie sehr klassische Einrichtung von Annahmen ausgeht, die für viele Menschen schlicht nicht funktionieren.
Diese Konzepte setzen voraus, dass Reize problemlos gefiltert werden, Entscheidungen nicht ermüden und Ordnung intuitiv entsteht. Für viele Menschen mit ADHS oder Autismus ist das unrealistisch.
Reizüberforderung entsteht oft im Detail
Überforderung entsteht selten durch ein großes Problem. Meist ist es die Summe vieler kleiner Dinge.
Ein typisches Beispiel sind offene Bücherregale. Unterschiedliche Buchhöhen, bunte Rücken, verschiedene Schriften, Hoch- und Querformate, vielleicht noch Deko dazwischen. Für manche gemütlich. Für andere permanenter visueller Lärm.
Ich habe lange gedacht, mich störe das einfach „zu sehr“. Heute weiß ich: Mein Nervensystem kommt dort nicht zur Ruhe. Der Blick bleibt hängen, das Gehirn sortiert ununterbrochen – ohne Pause.
Solche Details wirken harmlos, kosten aber jeden Tag Energie. Besonders dann, wenn Reizverarbeitung ohnehin schneller an ihre Grenzen kommt.
Was ADHS- und Autismus-Gehirne wirklich stresst
Es sind häufig genau diese Faktoren:
zu viele sichtbare Gegenstände
offene Flächen ohne klare Funktion
Möbel mit mehreren gleichzeitigen Aufgaben
fehlende visuelle Ruhe
Das Gehirn ist dauerhaft im Hintergrund aktiv. Immer wachsam. Immer bereit. Nie wirklich fertig.
Kinder reagieren darauf mit Rückzug, Unruhe oder Wut.
Erwachsene mit innerer Anspannung, Erschöpfung oder dem Gefühl, sich zu Hause trotzdem nicht erholen zu können.
Das ist kein persönliches Scheitern.
Das ist eine Überlastung durch die Umgebung.
Ordnung ist kein Charakterzug – sie ist ein System
Eine der wichtigsten Erkenntnisse – fachlich wie persönlich – ist diese: Ordnung ist keine Frage von Willenskraft.
Wenn Räume:
zu viele Entscheidungen verlangen
keine klare Orientierung bieten
ständig neue Reize erzeugen
dann wird es dauerhaft anstrengend. Egal, wie motiviert man ist.
Gerade bei ADHS und Autismus brauchen Räume nicht mehr Disziplin, sondern weniger Anforderungen.
Gute Räume:
reduzieren Entscheidungen
machen Abläufe sichtbar
begrenzen Reize
geben Sicherheit
Nicht perfekt. Sondern zuverlässig.
Der entscheidende Perspektivwechsel
Die zentrale Frage ist nicht:
Warum schaffen wir das nicht?
Sondern:
Was kostet in diesem Raum unnötig Energie?
Das kann ein multifunktionaler Tisch sein, der alles gleichzeitig sein soll.
Ein Wohnzimmer ohne klare Zonen.
Oder Möbel, die Ordnung symbolisieren, aber innerlich Unruhe erzeugen.
Gute Einrichtung für neurodivergente Menschen ist leise.
Sie drängt sich nicht auf.
Und sie entlastet – statt ständig Aufmerksamkeit zu fordern.
Räume dürfen unterstützen – nicht erziehen
Weder Kinder noch Erwachsene müssen sich an Räume anpassen, die sie überfordern.
Räume dürfen sich an die Menschen anpassen, die darin leben.
Das ist kein Luxus.
Das ist Alltagshilfe.
In den nächsten Teilen dieser Serie geht es darum,
warum Aufräumen allein nichts löst
wie Räume aktiv Struktur geben können
und wie Reizreduktion konkret aussieht, ohne dass sich alles steril anfühlt
Nicht, um perfekte Wohnungen zu schaffen.
Sondern um den Alltag spürbar leichter zu machen.
Unterstützung, wenn es allein zu viel wird
Manchmal hilft ein Blick von außen.
Ich unterstütze Familien und Erwachsene mit ADHS oder Autismus dabei, ihre Räume so zu gestalten, dass sie entlasten statt zusätzlich zu fordern. Passend zum Alltag, nicht zum Ideal.
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